Ein Quell der Tränen
Jeremia wünscht, er könnte ohne Aufhören weinen oder ganz fortgehen, denn Nachbarn und Brüder haben das Lügen zum Handwerk gemacht. Unser Vater sagt, das Land werde geleert und zerstreut. Das Einzige, dessen sich zu rühmen lohnt, ist, ihn zu kennen — treue Liebe, Recht, Gerechtigkeit, woran er wirklich Freude hat.
9 1Ach, dass mein Haupt eine Wasserquelle wäre und meine Augen ein Tränenquell, dass ich Tag und Nacht weinen könnte um die Erschlagenen der Tochter meines Volkes! 2Ach, hätte ich in der Wüste eine Herberge für Wanderer, dass ich mein Volk verlassen und von ihnen weggehen könnte! Denn sie sind alle Ehebrecher, eine Rotte von Treulosen.
3Sie spannen ihre Zunge wie einen Bogen; Lüge, nicht Treue, ist im Land mächtig geworden. Sie gehen von einem Übel zum andern und kennen mich nicht, spricht unser Vater.
4Ein jeder hüte sich vor seinem Nächsten und traue keinem Bruder; denn jeder Bruder ist ein Betrüger, und jeder Nächste geht als Verleumder umher.
5Ein jeder betrügt seinen Nächsten, und keiner redet die Wahrheit; sie haben ihre Zunge ans Lügen gewöhnt und mühen sich ab mit Unrechttun. 6Du wohnst mitten unter Betrug; in ihrem Betrug weigern sie sich, mich zu erkennen, spricht unser Vater.
7Darum spricht der Vater der himmlischen Heerscharen: Siehe, ich will sie läutern und prüfen; denn wie sollte ich sonst handeln um der Tochter meines Volkes willen? 8Ihre Zunge ist ein tödlicher Pfeil; sie redet Trug. Mit seinem Mund redet ein jeder Frieden zu seinem Nächsten, aber in seinem Herzen legt er ihm einen Hinterhalt. 9Sollte ich sie dafür nicht heimsuchen? spricht unser Vater. Sollte ich an einem Volk wie diesem nicht Vergeltung üben? 10„Ich will weinen und klagen um die Berge und ein Trauerlied anstimmen um die Auen der Wüste; denn sie sind verwüstet, sodass niemand hindurchzieht, und man hört das Brüllen des Viehs nicht mehr. Von den Vögeln des Himmels bis zu den Tieren sind alle geflohen und fortgezogen. 11Ich will Jerusalem zu einem Steinhaufen machen, zu einer Behausung der Schakale; und die Städte Judas will ich zur Öde machen, ohne Bewohner.“
12Wer ist weise genug, dies zu begreifen? Zu wem hat der Mund unseres Vaters geredet, dass er erkläre, warum das Land zugrunde gerichtet ist, versengt wie eine Wüste, sodass niemand hindurchzieht?
13Und unser Vater spricht: Weil sie meine Weisung verlassen haben, die ich ihnen gab, und meiner Stimme nicht gehorchten noch danach lebten, 14sondern eigensinnig ihrem eigenen Herzen folgten und den Baalen nachliefen, wie ihre Väter es sie gelehrt haben. 15Darum spricht der Vater der himmlischen Heerscharen, unser Vater Israels: Siehe, ich will dieses Volk mit bitterer Speise speisen und mit vergiftetem Wasser tränken. 16Ich will sie unter Völker zerstreuen, die weder sie noch ihre Väter gekannt haben, und will das Schwert hinter ihnen her senden, bis ich sie vernichtet habe.
17So spricht der Vater der himmlischen Heerscharen: Gebt acht! Ruft die Klageweiber herbei; schickt nach denen, die der Totenklage kundig sind. 18Sie sollen eilen und über uns ein Wehklagen anstimmen, dass unsere Augen von Tränen rinnen und unsere Wimpern von Wasser strömen.
19Denn ein lautes Wehklagen ist zu hören von Zion: Wie sind wir verwüstet! Wir sind ganz zuschanden geworden, denn wir haben das Land verlassen, denn man hat unsere Wohnungen niedergerissen. 20So hört nun das Wort unseres Vaters, ihr Frauen; und eure Ohren mögen das Wort seines Mundes empfangen. Lehrt eure Töchter das Wehklagen, und eine jede ihre Nächste die Totenklage. 21Denn der Tod ist durch unsere Fenster hereingestiegen; er ist in unsere Paläste gekommen, um die Kinder von den Gassen auszurotten und die jungen Männer von den Plätzen.
22Sprich: So lautet der Spruch unseres Vaters: Die Leichen der Menschen werden fallen wie Dünger auf freiem Feld, wie Garben hinter dem Schnitter, die niemand sammelt.
23So spricht unser Vater: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums; 24sondern wer sich rühmt, der rühme sich dessen: dass er verständig ist und mich erkennt—dass ich dein Vater bin, der beständige Liebe, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn daran habe ich Wohlgefallen, spricht unser Vater.
25Siehe, es kommen Tage, spricht unser Vater, da will ich alle heimsuchen, die nur am Fleisch beschnitten sind. 26Ägypten, Juda, Edom, die Söhne Ammons, Moab und alle, die sich das Haar an den Schläfen stutzen und in der Wüste wohnen. Denn alle diese Völker sind unbeschnitten, und das ganze Haus Israel ist verstockten Herzens.